Kinderlähmung (Poliomyelitis)

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Seit den 60er Jahren tritt die Kinderlähmung, auch Poliomyelitis genannt, in den Industrieländern kaum mehr auf. Das liegt daran, dass die Kinder seit dieser Zeit systematisch gegen diese Virusinfektion geimpft werden. Nur in den armen Ländern der Welt kommt es noch häufig zu Todesfällen aufgrund dieser Erkrankung, welche auch durch schwere Lähmungen gekennzeichnet ist.

Obwohl der Name es vermuten lässt, die Kinderlähmung keine Erkrankung, die nur Kinder betrifft. Deshalb sollten auch Erwachsene regelmäßig ihren Impfschutz überprüfen, damit die Krankheit in unseren Gebieten nicht wieder auftritt. Normalerweise wird eine Infektion gar nicht bemerkt, da sie in den meisten Fällen sogar ohne Symptome abläuft. Nur in den seltensten Fällen treten die gefährlichen Lähmungen oder eine Hirnhautentzündung auf. Die Polioerreger befallen den Teil des Rückenmarkes, welcher für die Bewegungen des Menschen verantwortlich sind, und verursachen somit die Lähmungen.

Unterschiedliche Phasen einer Kinderlähmung

Wenn man sich mit dem Erreger infiziert hat, dann treten zwei Phasen im Verlauf der Krankheit auf.

1. Phase

In der ersten Phase bemerkt der Patient nur unsymptomatische Beschwerden wie Durchfall, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Gliederschmerzen, Schluckbeschwerden und Fieber. Der Arzt wird in diesem Stadium nicht unbedingt an Kinderlähmung denken, sondern eher einen grippalen Infekt vermuten.

2. Phase

Erst in der zweiten Phase, wenn der Erreger das zentrale Nervensystem befallen hat, zeigen sich die sehr typischen Symptome einer Poliomyelitis. Der Patient reagiert nun sehr sensibel auf äußere Reize und er klagt über Muskel- und Rückenschmerzen. Später können dann eine gefährliche Hirnhautentzündung, auch Meningitis genannt, und Lähmungserscheinungen hinzu kommen. Es können nicht nur Muskellähmungen, sondern auch eine Atemlähmung auftreten, die sogar zum Tod führen kann. Wenn auch ein bakterieller Befall der Atemwege vorliegt, kann eine Atemlähmung noch zusätzlich begünstigt werden. Auch der Herzmuskel kann sich in dieser Phase entzünden und auch zu einer bleibenden Herzschwäche führen.

Differenzierter Verlauf der Kinderlähmung

Nicht bei allen Patienten ist der Verlauf der Erkrankung gleich, so dass man drei verschiedene Krankheitsverläufe unterscheidet.

  • Beim subklinischen Verlauf zeigen sich nur sehr geringe Symptome mit etwas Übelkeit, Fieber sowie Hals- und Kopfschmerzen.
  • Der milde Verlauf ist dadurch zu erklären, dass das zentrale Nervensystem nicht befallen ist. Bei den meisten Patienten läuft die Erkrankung so harmlos ab. Bei etwa einem Prozent der Erkrankten findet der Arzt einen nicht-paralytischen Verlauf, bei welchem das zentrale Nervensystem betroffen ist. Dennoch läuft die Erkrankung relativ harmlos mit Fieber, Muskel- und Rückenschmerzen sowie einer Nackensteifigkeit ab.
  • Bei nur etwa 0,1 Prozent der Fälle findet man den gefährlichen, den so genannten paralytischen Verlauf. Hier treten dann Lähmungen, vorwiegend an den Beinen, auf, welche auch zu bleibenden Schäden führen können. Wenn Lähmungen auftreten, liegt die Todesrate bei bis zu 20 Prozent.

Bei sehr vielen Erkrankten tritt nach überstandener Erkrankung das so genannte Post-Polio-Syndrom auf. Der Patient fühlt sich sehr schwach und ist schnell erschöpft, häufig kommen auch Schmerzen dazu. Diese Symptome müssen nicht direkt nach der Erkrankung auftreten, es können sogar Jahrzehnte dazwischen liegen. Von dem Post-Polio-Syndrom können sogar Menschen betroffen sein, die aufgrund der schwachen Symptome gar nicht wussten, dass sie eine Kinderlähmung durchgemacht haben.

Die Kinderlähmung wird durch so genannte RNA-Viren verursacht, welche hochgradig ansteckend sind. Die Inkubationszeit liegt zwischen drei und 35 Tagen. Selten erfolgt die Infektion durch Tröpfchen, sondern eher durch die Aufnahme von kontaminierten Lebensmitteln oder über den Kontakt mit Fäkalien, also auch auf öffentlichen Toiletten besteht eine Ansteckungsgefahr.

Eine Diagnose ist für den Arzt nicht ganz einfach, da die Symptome am Anfang sehr unspezifisch sind und einen grippalen Infekt vermuten lassen. Erst wenn die typischen Lähmungen auftreten, bekommt der Mediziner wichtige Anhaltspunkte für seine Diagnose. Vorher ist es möglich, den Erreger im Stuhl des Patienten, in der Gehirnflüssigkeit und im Rachensekret nachzuweisen. In 80 Prozent der Fälle lässt sich der Virus in einer Stuhlprobe während der ersten 14 Tage der Infektion nachweisen.

Auch die Lähmungen deuten nicht eindeutig auf eine Kinderlähmung hin, denn auch bei der Diphterie, der Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (kurz FSME), der Echo-Virus-Infektion, dem Guillain-Barre-Syndrom, der Coxsackie-Virus-Infektion und einer Neuritis kommen Lähmungserscheinungen vor.

Therapie der Kinderlähmung

All diese Erkrankungen müssen vom behandelnden Arzt zuvor ausgeschlossen werden. Sobald der Erreger in das Nervensystem eingedrungen ist, lässt sich in der Gehirnflüssigkeit ein Entzündungsprozess nachweisen. Der Arzt erkennt dies an deutlich erhöhten Eiweiß- und Glukosewerten. Bisher ist es der Medizin nicht gelungen, ein Mittel zu erfinden, mit welchem man den Virus direkt bekämpfen kann. Die einzige Therapiemöglichkeit besteht darin, die Symptome zu lindern und ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern oder abzuschwächen. Bei rechtzeitiger Behandlung lassen sich so eventuell bleibende Schäden oder schwere Komplikationen verhindern.

Bereits wenn der Verdacht auf Kinderlähmung besteht, muss der Patient streng das Bett hüten und absolute Ruhe haben. Sobald erste Lähmungen auftreten, muss der Betroffene so gelagert werden, dass sich einzelne Muskeln immer wieder entspannen können. Auch Physiotherapie kann dabei helfen, die Muskulatur zu lockern und zu entspannen. Bei schwerem Verlauf ist eine Betreuung auf der Intensivstation einer Klinik notwendig, wo auch die Atemfunktionen überwacht werden. Sobald es zu Atemlähmungen kommen sollte, benötigt der Patient eine maschinelle Unterstützung seiner Atmung.

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